Menschen für den Frieden
Friedensgebete auf dem Gendarmenmarkt

Jesuiten 2009/4

Unser Jahrtausend beginnt mit einem erschütternden Ereignis: Am 11. September 2001 wurden gewaltsam zwei Hochhäuser in New York zerstört, und viele Menschen star­ben in ihnen. Das ist ein Schock für viele sich in Sicherheit wiegende Menschen. Ein Symbol des westlichen Wirt­schafts­systems lag in Trümmern am Boden. Die ungezügelte Markt­wirt­schaft stand nach dem Fall der Mauer in Berlin doch gerade als Sieger da. Der amerikanische Präsident wollte die Vorherrschaft zurück­gewinnen und zettelte einen Krieg gegen den Irak an und suchte Verbündete.

Im Gegensatz zu dieser Reaktion versammel­te sich eine kleine Gruppe von Menschen aus verschiedenen Religionen in Berlin. Sie lud im Zusammenhang mit den Friedens­demonstra­tionen zu Friedensgebeten ein.

Doch der Irak wurde unter erlogenem Vorwand angegriffen, und viele Menschen star­ben und sterben in diesem Krieg. Da entschloss sich die Gruppe, jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom weiter zu Friedensgebeten einzuladen. Die Teilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Religionen oder sind konfessionell ungebunden. Wir treffen uns unter der Himmelskuppel im Freien und haben alle Talare und Kultgewänder abgelegt, um vor Gott, dem Heiligen, dem uns geschenkten Leben zu stehen. Dort können wir unsere Not aussprechen, das Geschenk des Lebens neu sehen, beten.

Es entspricht unserer Haltung zueinander und zu Gott, keinen aus dem Kreis besonders in den Mittelpunkt zu stellen. Drei Personen möchte ich geradezu als ein einziges Gesicht dieses sozial engagierten, politischen Gebetskreises nennen, so wie ja auch jede Einzel­person verschiedene Seiten beherbergt.

Mohammed

Mohammed ist ein Westberliner Original. Er sucht geradezu nach den Konfliktsituationen, in denen er sich für den Frieden einsetzen kann. Dabei geht er auf ausgegrenzte Men­schen zu, als Seelsorger besucht er Gefange­ne, nimmt Jugendliche mit gerichtlichen Auf­lagen auf, geht zu Kranken und Trauernden. Und er wird von vielen Journalisten und interessierten Gruppen als auskunfts­freudiger Imam aufgesucht. Das Ringen um Frieden und Aufrichtigkeit beginnt immer in der eigenen Person. Als muslimischer Prediger blieb ihm die Lehre vom dreifaltigen Gott fremd.

Da suchte er als gläubiger Mensch nach einem Ausweg und fand Antwort im Koran. Auf dem Weg des Friedens sind Ent­scheidungen nötig. Wenn wir die Angst vor notwendigen Brüchen überwinden, können wir über alte Grenzen hinweg offener wer­den. Mohammed lebt diese Offenheit und lädt den Kreis zu sich ein, die Gebete vorzu­bereiten, neuen Menschen zu begegnen, aber auch die Feste zu feiern, die uns verbinden: die Geburt Jesu, das Fastenbrechen im Ramadan, das mehrjährige Bestehen unseres Krei­ses zum Beispiel.

Roy

Roy stammt aus Indien. Sein Heimatdorf liegt heute in Bangladesh. Seine Kindheit hat er in enger Beziehung mit Muslimen, Christen und Hindus verbracht. Diese Verbundenheit auch in Berlin zu leben ist ihm seit über 40 Jahren ein großes Anliegen. Dies bringt er in den öffentlichen Gebetskreis ein, singt mit viel Kraft die Texte aus der Tradition der Hindus, benennt die Freuden und Missstände in unse­rer Gesellschaft und steckt uns an, mit ihm sein Halleluja, nämlich Hare Krishna zu singen.

Klaus

Klaus bringt auch viele Elemente aus Indien mit in das Gebet ein. Er engagiert sich dort mit der Gossner Mission unter Kastenlosen und Ureinwohnern (Adivasi), knüpft Kon­takte über die Grenzen hinweg. Als evangeli­scher Theologe aus der DDR kennt er haut­nah den politischen Druck einer Gesellschaft, die der oft schwer ausdrückbaren Beziehung zu Gott gegenüber steht. Er erlebte und erlebt heute wieder, wie damit alle Men­schen, die nicht ins System passen, ausgegrenzt werden. Auch wenn unser Gebetskreis keine politische Gruppe ist, so hofft er doch auf eine strukturell politische Veränderung, in der die Achtung vor allen Menschen wachsen kann. Ein ausschließendes Wohlfühlen im kleinen Kreis ist ihm suspekt. Er wird zum Gefängnis, dessen Mauern fallen sollten, damit das Leben - das Reich Gottes - seinen Geschmack nicht verliert.

Andere Teilnehmer könnten noch genannt werden, die sich über das Gebet als Geschwis­ter entdeckt haben. Nach jedem Beitrag sin­gen wir im Kreis: Schalom, salam oder einen anderen Gebetsruf. Auch wenn wir schwei­gen, bemerken wir, wie uns Kraft zufließt.

Christian Herwartz SJ

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