Zum Tod von Horst Goldstein

Unser Freund und Bruder Horst Goldstein, von Beginn an Mitträger des Interreligiösen Friedensgebets Berlin, kam am 22. April 2003 bei einem Autounfall ums Leben.

Der folgende Text gibt Auszüge aus einer Rede von Ferdinand Kerstiens in einem Gedenkgottesdienst für Horst Goldstein wider:

„Genieß das Leben alle Tage“ – so lautet der Titel des letzten Buches von Horst Goldstein. Ich empfinde es jetzt nach seinem Tod wie seine letzte Predigt an uns. Horst, der Befreiungstheologe, hatte engen Kontakt mit den Armen, den Armgemachten in Lateinamerika. Er wollte ihre Botschaft hier kund machen. Ich habe ihm einmal gesagt: „Horst, du wolltest deutscher Missionar in Brasilien werden. Jetzt bist du brasilianischer Missionar in Deutschland geworden. Und da bist du wichtiger.“ Es ist tröstlich, dass er uns in seinem Buch nicht sagt, dass wir arm leben und auf vieles verzichten müssen. Horst war kein Rigorist. Er liebte das Leben, wusste sich aber selber unter dem Anspruch seiner Theologie. Der letzte Satz seines Buches: „So bleibt mir, alles, was ich beim Konzipieren dieses Buches gedacht und auf den zurückliegenden Seiten geschrieben habe, spätestens jetzt auch zu tun.“ Leider waren ihm dazu nicht viele Tage vergönnt.

Ahnungsvoll heißt es in seinem Buch: „Sollen denn all meine Sehnsüchte nach Heiterkeit und Transparenz, nach Nähe und Gemeinschaft, nach Ehrlichkeit und Wahrheit, die sich zwischen dem Tag meiner Geburt und dem Datum meines Sterbens ja nur zum Teil realisieren, auf geniales Frustrieren hin konstruiert sein? Nein, ich bin nicht, was ich bin; ich bin, was ich sein werde. Der Tod öffnet mir den Zutritt zu neuen Begegnungen und beglückenden Beziehungen, zu ungeahnten Welten und zum erfüllenden Von-Angesicht-zu-Angesicht mit dem, der der Motor und das Ziel aller Entwicklungen ist.“ (...)

Alle Brüche hat er schmerzlich erfahren und durchlitten. Er hat sich an ihnen abgearbeitet. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Er hat es sich und anderen nicht leicht gemacht. Er war unerbittlich im Nachfragen, nicht nur in seinen Veröffentlichungen, in seiner Theologie, sondern auch in seinem persönlichen Leben. Davon zeugt sein letztes Buch. So glich er den Jüngern, die in ihrer Enttäuschung und Trauer unterwegs waren, aber von diesem Jesus nicht loskamen. Er suchte das Gespräch mit anderen, die mit ihm unterwegs waren. Er war begierig zu lernen. Er konnte zuhören, andere Erfahrungen bedenken, auch wenn sie ihm fremd waren. Er war auf dem Wege mit allen schmerzlichen Erfahrungen, aber auch mit vielen guten Begegnungen mit den Armen und ihrer Hoffnung, und mit Menschen, die ihn begleiteten. Ich bin ihm persönlich dankbar für viele Begegnungen und Gespräche. Er war unterwegs und wusste sich noch nicht zuhause. „Ich bin, was ich sein werde.“

Er war aber nicht nur unterwegs wie die Emmausjünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Er war auch unterwegs wie die Emmausjünger auf ihrem Rückweg von Emmaus nach Jerusalem, voll mit seinen Erfahrungen, mit seiner Botschaft, um die Christinnen und Christen, die Kirche aufzuwecken aus ihrem Schlaf, aus der falschen Allianz mit den Mächtigen und Reichen, um sie fähig zu machen im Geiste Jesu zur Solidarität mit den Armgemachten in unserer zerrissenen Welt. Davon zeugt auch sein Engagement für den kommenden Ökumenischen Kirchentag in Berlin und für das interreligiöse Gespräch und Gebet, für Gewaltlosigkeit und Frieden. Angesichts der Grundherausforderungen unserer Zeit galten ihm die konfessionellen Streitigkeiten und die Fragen nach der einzig wahren Religion als zweitrangig und überholt. Der menschenfreundliche Gott, der ihm in Jesus begegnet ist und an den er glaubte, von dem er lebte, kennt keine Grenzen.

Lieber Horst, wir wollen dich in diesem Gottesdienst diesem menschenfreundlichen Gott anvertrauen. In ihm bleibst du mit uns und wir mit dir verbunden. Wir danken Gott für alles, was er uns durch dich geschenkt hat, für die Predigt deines Lebens, für deine Theologie und Nähe, für deine menschliche Wärme und alle Solidarität. Wir trauern um dich, weil du uns fehlen wirst. Wir sind noch unterwegs in die Hoffnung, aus der auch du gelebt hast. Wir sind noch angewiesen auf diese Zeichen von Brot und Wein, diese Zeichen der Hingabe Jesu für uns. Die Jünger haben in Emmaus darin seine Nähe erkannt. Du brauchst jetzt diese Zeichen nicht mehr! Wir vertrauen darauf, dass du jetzt endgültig in seiner Nähe lebst.

Horst, genieß das Leben alle Tage! Horst genieß die Fülle des Lebens in Ewigkeit!

 

 

Zurück zur Textübersicht