
SONNTAG, 6.11.2005 um 15.00 Uhr
Zum Vorbereitungsgespräch für das interreligiöse Gebet am 6. November kamen wir mit zwei Eindrücken. Ein Thema waren die mysteriösen Handy- und SMS-Botschaften, die offensichtlich in der virtuellen Parallelwelt der neuen Medien geistern und den meist jugendlichen Nutzern Druck machen. Vom nahenden Weltuntergang ist dort die Rede, von der deswegen dringenden Rückwendung zur Religion, und ähnlichen Dingen dieser Art. Dabei werden auch die heiligen Schriften der Religionen ausgebeutet, um entsprechende Dringlichkeitsappelle zu illustrieren. Schließlich werden den Schriften sogar Aussagen und Appelle unterstellt, die dort gar nicht drin stehen.
Die entsetzlichen Ereignisse auf den spanischen Enklaven auf marokkanischem Gebiet waren das andere, drängende Thema unseres Gesprächs. Kann durch irgendein Ereignis noch deutlicher werden, dass die europäische Abschottungspolitik für Menschen den Tod bedeutet - mehr noch, dass sie tötet. Die monströsen Verteidigungsanlagen der Enklaven (zwei Reihen von Zaun und scharfen Eisenpfählen, dazwischen ein breites Territorium, das mit Stacheldraht ausgelegt ist) reichen nicht. Flüchtlinge, die dennoch den Schritt auf "spanisches Territorium" schaffen, werden abgeschoben, in der Wüste ausgesetzt, erschossen.
Wohin sollen wir schauen, wohin sollen wir nicht schauen? Wohin sollen wir im Gebet schauen, wovon sollen wir den Blick ablenken? Wie viel Zeit verbringen wir mit Ablenkung vom Wesentlichen. Welche Bilder wollen uns ablenken davon, die Bilder zu sehen und ernst zu nehmen, in denen wir tatsächlich herausgefordert werden von Gott?
Das Abwenden des Blickes ist der Anfang des Gebetes. Das ist ein Aspekt des Fastens, der Askese, der Abwendung von "der Welt", die es in jeder Religion gibt. "Die Welt", die ablenken will, will uns mit Themen beschäftigen, um uns zu fangen. Oft hat das Leben in der Welt der Ablenkung Suchtstruktur. Alle Welt beschäftigt sich mit abwegigen Handy-Botschaften, mit dem Polit-Klatsch (wer kriegt welches Ministerium?), mit Stars und Sternchen. Sofern das ablenkt davon, sich ansprechen zu lassen von der Not und dem Ruf zur Umkehr, zum "Umdrehen" vor Gott, ist Ignorieren angesagt.