MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMAKT VOR DEM DEUTSCHEN DOM

SONNTAG, 2.10.2005 um 15.00 Uhr

GEBET ALS SCHRITT AUS DER KONKURRENZ

Nach unserem letzten Gebet auf dem Gendarmenmarkt trafen wir uns zu einer Auswertung und zu einem Ausblick. Auch unser Pilgern nach dem Gebet zu den Orten der Erinnerung wurde besprochen. Wir merkten, dass wir noch unterschiedliche Vorstellungen und praktische Erfahrungen mit dem Pilgern haben und wollen diesem Thema auf der Spur bleiben.

Ein weiteres Thema war der Umgang mit empfundenem Ärger im Gebet.

Bei manchem Ärger über Andere sind wir in der Versuchung, uns herauszunehmen. Viel schwerer ist es aber, den gerechten Ärger über sich selbst zu entdecken, zu ihm vorzustoßen, vielleicht sogar den Ärger über andere zum Anlass zu nehmen, sich selbst in Frage zu stellen - nicht wegen des Ärgers oder um den Ärger loszuwerden, sondern weil das, worüber ich mich beim Anderen ärgere, etwas sein kann, was ich selbst auch praktiziere. So kann der Ärger mich in Bewegung bringen. Im Gebet stehen wir vor Gott jedenfalls nie nur als die Gerechten, die auf die Ungerechten mit den Fingern zeigen. Unser Gerechtigkeitsempfinden, das wir im Gebet als als Ärger über andere spüren und zu Gott emporsteigen lassen, hilft uns auch, uns selbst gegenüber gerecht zu sein. So entsteht im Gebet Einheit zwischen mir und den Anderen.

Der Ärger kann uns unfrei machen, indem wir uns darin auf ein Ereignis in der Vergangenheit fixieren und uns nur noch ärgern können. Ärger, der zu Groll altert. Aus diesem Ärger werden wir frei, wenn wir in die Gegenwart gehen, in das "Jetzt" des Gebetes.

Der Ärger über die Anderen ist oft verbunden mit Konkurrenz, der sich z.B. im Jubel über die Niederlagen der Anderen ausdrückt. Das gehört zu den Erfahrungen des Wahltages, der im zurückliegenden Monat stattfand. Wir sahen die Berichte über die Wahlergebnisse und die Jubelstürme über die schlechten Ergebnisse, die Niederlagen der Anderen. Auch die Religionen sind nicht frei von diesem Konkurrenzgehabe, von dieser Freude daran, besser zu sein als die Anderen. Beim Weltjugendtag in Köln waren Stimmen zu hören, die sagten: So viele Jugendliche zusammenzubringen, das würden die Protestanten nicht schaffen. (War es nicht Frère Roger, ein Protestant, der die ersten großen Weltjugendtreffen veranstaltete?) Und so definieren sich alle Religionen immer wieder im Konkurrenz-Schema miteinander. Das ist das falsche Ringen um "die Wahrheit", eine Quelle der Gewalt zwischen den Religionen.

Unser Gebet auf dem Gendarmenmarkt ist ein Schritt aus dieser Konkurrenzstruktur. Das ist der im Gebet angemessene Schritt.

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