
SONNTAG, 1.8.2004 um 15.00 Uhr
Was bedeutet uns Heimat? Uns bewegte diese Frage bei unserem Vorbereitungsgespräch auch deshalb, weil 'Heimat' in der politischen Auseinandersetzung wieder ein Thema geworden ist. Da wird beispielsweise behauptet, dass unsere deutsche Heimat eine bestimmte Leitkultur besitzt, nach der sich alle integrationsbereiten Mitmenschen richten sollen. Andere hingegen werden in ihre 'Heimat'länder abgeschoben. Wir dürfen es nicht übersehen: Gerade in Deutschland ist die Rede von der Heimat immer auch mit einer Geschichte des Missbrauchs von Heimatgefühlen verbunden gewesen.
Unser hinduistischer Mitbruder, der als Kind in Indien aufwuchs, hatte dazu eine ganz andere Meinung: Er habe bislang viele eindrucksvolle Landschaften und Länder kennengelernt, aber nichts sei vergleichbar den Orten seiner Kindheit. Nichts davon habe je dieses Licht, diesen Duft und diesen Klang seiner Heimat erreichen können. Für ihn seien sie immer noch gegenwärtig und in seinem Herzen eingewurzelt. Und das, obwohl andere Menschen an diesen Orten vielleicht nur viel Staub, Schmutz und die Armseligkeit eines Slums entdecken könnten. - Es gibt also diese Orte innigster Zugehörigkeit, des Verwurzeltseins? Orte tiefster Geborgenheit, an die wir uns besonders dann gerne erinnern, wenn wir in Zeiten der Bedrängung und Angst nach Haltepunkten suchen?
Einige von uns waren mit dieser Erklärung nicht ganz einverstanden. Auch in unseren Glaubenstraditionen kennen wir ja solche Orte ausgezeichneter Zugehörigkeit: Wallfahrtsorte. Einige von ihnen sind Orte höchster Geltung und höchsten religiösen Prestiges. Und eben deshalb vermitteln diese Orte oft auch ein Bild angemaßter Heiligkeit! Ist es nicht so, dass gerade diese Orte einer religiös besetzten Zugehörigkeit oft in Gefahr stehen, zum Götzen scheinheiliger Erlösung und magischer Heilserwartung zu entarten?
Dieser Einwand führte uns zu einem neuen Blick auf die Sache: In vielen Traditionen gibt es auch die Praxis der offenen Pilgerschaft, der ort- und ziellosen Suche nach dem Heiligen. In ihr verzichten die Glaubenden bewußt auf alles unnötige Gepäck und lassen alle Scheinsicherheiten hinter sich. Solche Pilgerschaften gleichen einem einzigen andauernden Gebet. Es könnte wohl sein, meinte einer, dass in dieser Art von Gebet eine Heimat entdeckt werden kann, deren Licht, Duft und Klang so überwältigend ist, dass sie uns nicht mehr loslässt und uns ermutigt. Uns dazu ermutigt, im Hier und Heute für eine Heimat zu streiten, die das Anrecht aller Menschen ist, die den Bedrängten Zuflucht gewährt und die Heimatlosen einlädt, Platz zu nehmen.