MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMAKT VOR DEM DEUTSCHEN DOM

SONNTAG, 2.7.2006 um 15.00 Uhr

OFFENHEIT

Offenheit im Gebet und unter den verschiedenen Religionen zu leben ist eine Freude und gelegentlich auch eine Anstrengung. Unser hinduistischer Freund erzählte von der Freude des Zuhörens - wenn er von Menschen anderen Glaubens in Ruhe, interessiert und eben offen angehört wird. Das ist eine wunderbare Sache. Es ist eine große Freude, wenn das möglich wird.

Manchmal ist das Zuhören nicht auszuhalten. Nicht nur zwischen den Religionsgemeinschaften, sondern auch innerhalb der Religionsgemeinschaften gibt es Situationen, in denen das gegenseitige Anhören nicht gelingt. Tut der oder die eine den Mund auf, hält es der oder die andere nicht aus. Um so beglückender ist es, wenn über einen langen Zeitraum hinweg die Gräben und Risse doch nicht zu einer definitiven Trennung oder zu Gewaltausbrüchen führen, sondern im Schweigen und im Suchen nach gemeinsamen Worten ausgehalten wird. Es ist schön zu sehen, wenn solches Zusammensein in gegenseitiger Offenheit dauerhaft gelingt. Sie entspricht einer tiefen Sehnsucht der Menschheit und in den Religionen.

Eine andere Offenheit entdecken wir in diesen Fußball-WM-Tagen: Die Sehnsucht nach Identität, Zugehörigkeit schafft eine Atmosphäre der spürbaren Offenheit. Wir wollen die Formen, die diese Sehnsucht findet, nicht vorschnell verurteilen, wenn uns auch manches an dem Kommerz und an den Fahnenmeeren befremdet, und uns insbesondere die massenhaft durch den Adler ergänzte deutsche Fahne fragen lässt, was hier eigentlich ausgedrückt werden soll. Der Adler steht immerhin für König (König der Vogelwelt) und für Raub (Raubvogel). Doch diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach farbigem Ausdruck der Zugehörigkeit, nach Feiern in einer großen Menschenmenge mit niedriger Schwelle des Ansprechens ist auch allen Religionen bekannt: In der Wallfahrtsorten, den großen Pilgerreisen, den Massenevents. Auch hier wird eine Offenheit füreinander erlebt, die im Alltag so in der Regel nicht gelingt, aber in den Alltag zurückwirken kann.

Diese Großveranstaltungen sind eine Herausforderung. Bei der WM wie bei den religiösen Ereignissen besteht die Gefahr der Anbetung von Idolen, des dumpfen Untergehens in der Masse. Sie können aber auch an die menschliche Bestimmung zu einer tieferen Einheit erinnern.

Der Vision von der Einheit der Menschen - sie bewegt uns als Zugehörige unterschiedlicher Religionen. Sie ermutigt uns, die engen Grenzen unserer Anschauungen zu öffnen und miteinander im Vertrauen auf die heilende Kraft der/des Einen für das Wachstum des vielfältigen und verletzlichen Lebens auf diesem Planeten zu beten.

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