
SONNTAG, 4.6.2006 um 15.00 Uhr
HERR
ES IST ZEIT FÜR BERÜHRUNG
DERWEIL SELBST DIE STEINE JEDE REIBUNSFLÄCHE VERLEUGNEN
UND ICH SUCHE NICHT ERLÖSUNG NOCH LÖSUNG
NUR DAS ZWIEGESPRÄCH
LASS UNS AUFRICHTIG SEIN ZUEINANDER
SOWEIT UNSERE KRÄFTE REICHEN
FÜR DAS ZERRISSENE FLEISCH DER LIEBE
UND DER ORT FÜR DIESES GEBET
KEIN GESCHLOSSENER RAUM VOLLER SCHÖNHEIT UND VERGESSEN
SONDERN EIN REIßENDER FLUSS
HERR
STEH MIR BEI
AUF DASS MEINE WORTE
DEINEN LEEREN PLATZ AUFDECKEN
(Said - lebt im Exil. 1947 in Teheran geboren kam er 1965 als Student nach München, wo er noch heute wohnt. Zuletzt (2005) erschienen ist von ihm "Ich und der Islam".)
Über diesen Text sprachen wir miteinander. Auch der christliche Festtag Pfingsten, der mit unserem interreligiösen Gebet im Juni zusammenfällt, ließ uns auf ein Thema für unser Gebet kommen:
Angst überwinden:
Die Angst vor der Berührung.
Den Mut zum Sprechen finden, aber auch die Kraft zum Schweigen.
Ein Sprechen, dass die Sprachverwirrung entwirrt.
Die Angst sich zu öffnen - weil so viele Konventionen uns an der Offenheit hindern.
Die Angst, nicht die richtigen Worte zu finden.
Die Angst, dass mir niemand glaubt, wenn ich erzähle, was ich erlebt habe.
Die Angst, dass mich die anderen nicht verstehen.
Die Angst vor mir selbst; meine eigenen Unsicherheit, meine Angst, mir selbst zu glauben.
Was könnte der "leere Platz" sein, von dem Said spricht? Der leere Platz in den Kirchen, Moscheen und Tempeln, die keine Orte des Gebetes mehr sind und in denen Gott nicht mehr wohnt? Oder der leere Platz als der letzte Platz, den Gott einnimmt, weil niemand sonst ihn einnehmen will? Oder der Platz, der leer ist, weil wir nicht mehr sagen können, wer oder was dort Platz genommen hat? Unsagbares Geheimnis? Ort des Gebetes?