
SONNTAG, 7.5.2006 um 15.00 Uhr
In unseren unterschiedlichen Traditionen werden wir angeleitet zu hören. Religion heißt im Kern: der Wunsch zu hören. Der Ausdruck dieses Hungers zu hören ist das Gebet.
Das interreligiöse Gebet ist kein interreligiöser Dialog, in dem Glaubensaussagen der verschiedenen Tradition abgewogen, auf gemeinsame und unterschiedliche Bestandteile geprüft werden. Es ist auch keine Form gegenseitiger versteckter Mission, sondern die Achtung inmitten von Unterschieden.
Wie können wir den Hunger nach besserem Hören im Gebet beschreiben? Im Gebet öffnen wir uns dem Unfassbaren, dem Nichtbesitzbaren, der anwesenden Lebensquelle unter uns. Doch wir sprechen im Gebet auch Ereignisse und Lebensumstände an. Wir hören uns gegenseitig zu. Wie kann das Gebet dabei nicht zu einer versteckten Diskussionsrunde oder zu einem Spiel der Vermeidung werden, ja keiner/m der Anwesenden zu nahe zu treten? Dieser Frage sind wir beim Vorbereitungstreffen nachgegangen. Was kann bei einem kleinen, kontinuierlich stattfindendem Treffen gesagt werden und was im öffentlichen Gebet, in dem wir direkt meist nicht nachfragen können?
Wir wollen im Gebet Ermutigungen aber auch das Schmerzhafte hören, was das Leben behindert. Manches möchten wir spontan auch nicht hören. Wenn jemand aus einer anderen Tradition den Schmerz über die mir eigene Praxis ausspricht, dann werde ich innerlich reagieren: "Kehr vor deiner eigenen Tür!" Diese Regung im eigenen Herzen kann dann ein Anstoß sein, nochmals hinzuhören und entschiedener ins Gebet zu treten. Störungen sind ja Anregungen, selbstverständlich Gewordenes zu überprüfen und können darüber oft als Anstoß Gottes erkannt werden. Wir sehen im Gebet auch deutlicher, wo Störungen auf Grund von finanziellen Interessen nicht erwünscht sind, die Wahrheit nicht zutage treten soll, Rohstoffbegierden und Machtspiele Schweigen aller Kritiker durchsetzen wollen. Im Gebet werden wir dankbar über das Gesagte oder legen es beiseite und werden hungriger aufs neue Hören und Aussprechen auch versteckter Freuden und Nöte.