MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMAKT VOR DEM DEUTSCHEN DOM

SONNTAG, 5.2.2006 um 15.00 Uhr

EINLADUNGEN DIE ÜBER GRENZEN GEHEN

Unser Vorbereitungsgespräch begann mit einer Anregung einer Teilnehmerin:

Verlassenheit

Lass mich
mein Gesicht wahren, bis zur Unkenntlichkeit,
damit du dich ja nicht in mir erkennst.

Lass mich
mein Profil schärfen
- schneidende Klinge, die dein Herz treffen soll,
die mein Herz trifft, mit Sicherheit.

Lasst uns
die Ohren verschließen
mit dem Wachs des "wahren Glaubens",
damit wird die Stimme unseres Schöpfers nicht hören,
die uns einlädt zum gemeinsamen Mahl.

Das Gedicht führte uns zu einem Austausch über die Frage, wie der gegenwärtige Trend zur "Profilschärfung" dazu führt, dass Konfessionen und Religionen sich gegenseitig neu abgrenzen. Dass ein solcher Trend an vielen Orten spürbar ist, war uns deutlich. Mit unserer kleinen Gruppe des interreligiösen Gebets sind wir da wohl für viele ein Ärgernis. Aber von dem Vorrang der Praxis vor der Theorie sind wird fest überzeugt: Es kann nur etwas Gutes sein, wenn wir im gegenseitigen Respekt voreinander, auch vor unseren Unterschieden, ohne vom jeweils anderen zu verlangen, sein "Profil" zurückzunehmen, miteinander an einem Ort in der Stadt stehen, um zu beten - und zwar ohne vorher eine abschließende Diskussion über Gemeinsamkeiten zu führen. Dass daraus etwas wächst, hoffen wir. Die Einheit, die wir als Menschen bilden, ist uns schon geschenkt, bevor wir anfangen, die Einheiten einzelner Gruppen und Religionen zu definieren.

Noch ein Stichwort war uns wichtig: Besuchsverbote. Tief verwurzelt ist in vielen Kulturen das Verbot, den anderen, den Fremden zu besuchen. Ein Muslim besucht keine Kirche, ein Christ keinen Tempel, ein Atheist keine Moschee - außer mit dem neugierigen Blick des Touristen. Vor diesem Hintergrund kann dann schon eine Einladung als Bedrohung der Identität erlebt werde. Ein katholischer Bischof in Deutschland forderte die evangelischen Christen auf, sie sollten die Katholiken nicht mehr zum Abendmahl einladen. "Lade mich nicht ein, denn damit bringst du mich in die Rolle dessen, der die Einladung leider ablehnen muss." So ähnlich wird es vielleicht auch dem heidnischen Hauptmann gegangen sein, der es Jesus ersparen wollte, ihn in sein Haus einzuladen: "Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach...". Umso ergreifender die Geschichte einer Einladung aus der Apostelgeschichte, als der römische Hauptmann Cornelius den Juden Petrus zu sich einlud.

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