Interreligiöses Friedensgebet Berlin auf dem Gendarmenmarkt

Sonntag, 2. November 2003, nach dem Reformationsfest und nach Allerheiligen, am Gedenktag der Toten "Allerseelen".

Dr. Klaus Roeber



Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf,
dass die Kinder Gottes offenbar werden (Die Bibel: Römer 8).
Deshalb gehen wir mit der Botschaft unserer Religionen
Auf die Straßen und Plätze dieser Stadt, auf diesen schönsten Platz Europas.

Hier und gestern kamen demonstrierten hier viele Tausende Frauen und Männer,
von Sorgen und Ängsten beunruhigt und in ihren Hoffnungen getäuscht.
Sie kamen zusammen: Alle gemeinsam gegen Sozial-Kahlschlag.
Reden, Songs und Satire enthielten Forderungen und große Erwartungen.
Auf den Stufen des Schauspielhauses wurde hier und gestern öffentlich gemacht,
welches Schauspiel Regierende in Deutschland, in Europa und weltweit bieten
und derzeit wieder einmal inszenieren - von Erich Fried schon 1968 geahnt:

"Die Faulen werden geschlachtet,
die Welt wird fleißig.
Die Hässlichen werden geschlachtet,
die Welt wird schön.
Die Narren werden geschlachtet,
die Welt wird weise.
Die Kranken werden geschlachtet,
die Welt wird gesund.
Die Traurigen werden geschlachtet,
die Welt wird lustig.
Die Alten werden geschlachtet,
die Welt wird jung.
Die Feinde werden geschlachtet,
die Welt wird freundlich.
Die Bösen werden geschlachtet,
die Welt wird gut."

Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf,
dass die Kinder Gottes offenbar werden.

Wir haben uns mit der einhelligen Botschaft unserer Religionen
Von der Überwindung der Todesmächte
Auf diesen Gendarmenmarkt zwischen die Dome gestellt
Am Tag nach dem Gedenken an die Lebenden: Allerheiligen.
Am Tag des Gedenkens für die Opfer und Getöteten: Allerseelen.
Martin Luther erkannte die Bedeutung dieser katholischen Festtage.
Er verdeutlichte am 31. Oktober die Botschaft des Paulus,
die an die Bevölkerung der Welthauptstadt Rom gerichtet war.
Von hier aus wollten die Imperatoren und Caesaren mit Gewalt
das Zeugnis der Religionen auf das Niveau mit dem Kaiserkult einebnen.
Und das ist seine widerständige Antwort auf das frevelhafte Ansinnen,
sich resigniert den Mächten des Todes zu beugen:

Die ganze Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft
der vergänglichen und noch immer wiederkehrenden Mächte
und befreit werden zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Dadurch neu ermutigt verhalten wir uns weder zuschauend noch abgewandt,
sondern wollen in der Öffentlichkeit im Gebet uns umkehren lassen
zum Gott des Friedens, der Leben in Fülle ist. Er hilft zu widerstehen
den vergänglichen und immer wiederkehrenden Gründen,
- von Erich Fried schon 1966 beobachtet und notiert - als Gründen,
die gegen unser Seufzen, Sehnen und Hoffen ins Feld geführt werden:

Weil das alles nicht hilft - Sie tun ja doch was sie wollen
Weil ich mir nicht nochmals die Finger verbrennen will
Weil man nur lachen wird: auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich? Keiner wird es mir danken
Weil da niemand mehr durchsieht
Sondern nur höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte vielleicht auch sein Gutes hat
Weil es Sache des Standpunktes ist

Und überhaupt, wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur mit Wasser gekocht wird
Weil ich das lieber Berufeneren überlasse
Weil man nie weiß, wie einem das schaden kann
Weil sich die Mühe nicht lohnt
Weil alle das gar nicht wert sind

Das sind Todesursachen, die zu schreiben sind auf unsere Gräber,
so denn überhaupt noch Gräber gegraben werden können,
sofern in diesem Ungeist der Erwartungslosigkeit
die Gründe und Ursachen zu finden sind, dass die Todesmächte
unüberwindlich scheinen.

Es ist Gottes Geist, der unserer Schwachheit aufhilft.
Wo der Geist Gottes weht, wird die Sprache befreit
Und wächst das befreiende Wort.
Nicht wer sich von Worten treiben lässt, sondern welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf,
dass die Kinder Gottes offenbar werden.

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