Mut zum Sprechen finden

Auszeichnung für die Gruppe „Inter-Religiöses Friedensgebet“

Kath. Sonntagszeitung Nr. 12/2010

BERLIN - Einmal im Monat tref­fen sich mehrere Menschen auf dem Berliner Gendarmenmarkt zum Friedensgebet. Sie wollen damit das Zusammenleben verschiedener Kul­turen, Sprachen und Religionen in Berlin fördern. Für ihr soziales En­gagement erhielt die Gruppe „Interreligiöses Friedensgebet“ vor kurzem den Drei-Königs-Preis.

Es ist ein bitterkalter Nachmittag. Auf dem Berliner Gendarmenmarkt ha­ben sich knapp 20 Männer und Frauen vor dem Deutschen Dom versammelt - eine kleine Gruppe von Menschen aus verschiedenen religiösen Traditi­onen, darunter Juden, Christen, Mus­lime, Hindus und auch Menschen oh­ne Religionszugehörigkeit. Sie stehen im offenen Halbkreis um ein Plakat mit der Aufschrift: „Inter-Religiöses Friedensgebet - betend den Mut finden zum Sprechen“. Wie immer am ersten Sonntag eines jeden Monats, seit mehr als acht Jahren, wollen sie hier für eine Stunde das Zusammen­leben von Men­schen verschiedener Kulturen, Spra­chen und Religionen vorleben.

Die ersten Gebetstreffen dieser Art fanden anlässlich der Anti-Irak-Krieg-Demonstrationen von Oktober 2002 bis Januar 2003 statt. Im Anschluss an die offiziellen Demon­stra­tions­redner stiegen einige Amtspersonen der je­weiligen Religions­gemein­schaften, er­kennbar an der Kleidung, zum Gebet auf die Bühne. Heute verzichtet man auf die offizielle Kleidung. Jeder steht vor „dem Heiligen“ nur noch für sich selbst als Christ, Hindu, Jude, Bud­dhist, Sikh oder Muslim.

Es gibt eine Vorbereitungsgruppe, die sich ebenfalls monatlich trifft: im Canisius-Kolleg oder in der Gemeinde der deutschsprachigen Muslime.

Auf Grund der aktuellen privaten oder poli­tischen Ereignisse wird dann nach The­men gesucht, die beim nächsten Gebet im Mittelpunkt stehen könnten. Das Motto des aktuellen Treffens lautet: „Der Schein des Heiligen“.

„Unsere Vorbereitung für das Ge­bet im März hat uns angeregt, über scheinheiligen Machtmissbrauch zu sprechen“, sagt Christian Herwartz. Der Jesuitenpater ist einer der Frie­densgebet-Initiatoren. „Der eigen­süchtige Lustgewinn durch Macht, ein­hergehend mit der Demütigung der Ohnmächtigen, wird erkennbar; wenn. klärendes Licht auf die Verbrechen und Grenz­über­schrei­tungen fällt“, sagt er in die Runde. Seine Worte sind jedoch nur ein Angebot. Jeder soll das beten, was er auf dem Herzen hat. „Da sind wir am vorberei­teten Thema manchmal ganz eng dran, und mal kommt es über­haupt nicht vor“, erklärt der Jesuiten­pater später.

In den Gebeten heute geht es um Afghanistan, um die jüngsten Enthül­lungen zu Kindes­miss­braucb an katho­lischen Schulen und um Margot Käß­mann. Eine Besucherin bittet um warme Füße. Die im kalten Wind frierenden Teilnehmer nicken heftige Zustimmung. Während die Ver­treter einer Glaubens­gemein­schaft ihr Gebet vollziehen, hören die anderen Teilnehmer in respektvollem Schwei­gen zu.

Die Idee der Gruppe „Inter­religiö­ses Friedensgebet“ hat Erfolg. Anfang des Jahres wurde sie mit dem Drei-Kö­nigs-Preis geehrt, den der Diözesan­rat der Katholiken im Erzbistum Ber­lin jährlich vergibt „Das ist eine hohe Anerkennung und Ermutigung“, freut sich Hinduist Dhiraj Roy. „Sie bestä­tigt, dass wir auf einem richtigen Weg sind.“

Die Möglichkeit eines. interreligi­ösen Gebets ist jedoch nicht unum­stritten. Nach jedem Gebet oder auch nach jeder längeren Phase gemein­samen Schweigens wird ein Lied angestimmt Da singen dann Priester und Pfarrer „Hare Hare Krishna“, Muslime „Shalom, shalom“ und Juden Lieder über Jesus. Keine einfache Mischung und immer wieder auch Anlass für Kri­tik - von den weniger toleranten Mit­gliedern der Religionsgemeinschaften genauso wie immer wieder auch von verdutzten Passanten.

Wachsen im Gebet

Doch die Praxis des Gebets habe Vor­rang vor einem theoretischen Konsens über theologische Fragen, schreibt Je­suitenpater Klaus Mertes in seinem Text. „Fünf Jahre Inter-Religiöses Friedensgebet Berlin“. Ziel sei weniger der Dialog als vielmehr das Gebet selbst sowie die Offenheit dafür, dass in dem Gebet etwas wächst. Zwar versuche man auch eine gemeinsame theologische Sprache, indem man den Begriff „des Heiligen“ verwende, aber das sei nicht notwendig Basis für die Gemeinsamkeit der Be­tenden.

Wichtiger ist der gegenseitige Res­pekt. „Und der Respekt, um den es uns geht, ist ein Respekt des Herzens“ - also mehr als nur ein äußerliches Tolerieren. Christlich ausgedruckt: Gebet ist der Kontakt des Betenden mit Gott. Es ist kein missionarischer Appell an die anderen.

Susannah Krügener

Foto auf dem Gendarmenmarkt

Die Gruppe "Interreligiöses Friedens­gebet" vor dem Deutschen Dom in Berlin.
Foto: Krügener

Zurück zur Textübersicht